Grab der Brüder Meister

2010 haben wir als Natur- und Heimatfreunde Erdmannsdorf die Pflege der Grabstelle der Brüder Arno und Moritz Meister übernommen. Warum wir diese Aufgabe gern als Verein wahrnehmen, ist u.a. auf die Recherchen unseres Vereinsmitgliedes Manfred Wild (16.03.1940 – 25.12.2008), der als Ortschronist im Rahmen der Vorbereitungen zur 800-Jahrfeier großen Anteil an der Erarbeitung der Chronik hatte, zurückzuführen. Er war unter anderem für den Artikel 2.2, „170 Jahre industrielle Baumwollspinnerei in Erdmannsdorf“, verantwortlich. Das bedeutsame Wirken der Brüder Meister für unseren Heimatort rückte wieder stärker ins Bewusstsein, als der Abbruch der Baulichkeiten anstand, hatten doch viele unserer Einwohner in den Betrieben (Werk I bis IV) bis kurz nach der Wende ihren Arbeitsplatz.

Moritz und Arno Meister als Aufsichtsrat, Sammlungen NHF

Im Oktober 2017 wurde der Schornstein gesprengt.
Foto: P. Brethfeld

Bernd W. Wegert, ebenfalls an der Erarbeitung der Chronik beteiligt und Vereinsmitglied, griff auf die Recherchen von Manfred Wild zurück und stellte das Wirken des familiär und sozial engagierten Unternehmers Arno Meister, anlässlich des 100. Todestages 2017, wie folgt zusammen:

„Wir alle haben Grund, seiner zu gedenken: Vor 100 Jahren, am 20. Februar 1917, starb Heinrich Arno Meister. Er fiel einem seltsamen Unglück zum Opfer. Als er unweit seiner Wohnung, an der Post (Chemnitzer Straße 6) vorüberging, fiel ein Eiszapfen vom Dach und traf ihn tödlich am Kopf“. So steht es im Kirchenbuch zu lesen. Damit ging seine 47 Jahre währende segensreiche Wirksamkeit für Erdmannsdorf zu Ende. 45 Jahre lang hat er hier gewohnt. Er starb im Alter von 77 Jahren.

Heinrich Arno Meister wurde am 2. Juli 1839 geboren. Er ist das vierte Kind aus der dritten Ehe des Burgstädter Kantors Christian August Meister und wurde in die Freuden und Leiden einer Familie hineingeboren. Von den elf Kindern aus der ersten Ehe seines Vaters waren 1839 noch drei am Leben, von den drei Kindern aus der zweiten Ehe nur noch eins. Vielleicht haben genau diese Familienerfahrungen zu seiner Haltung geführt, soziale Bindungen zutiefst zu bejahen. Seine Mutter lebte als Witwe zehn Jahre lang in Erdmannsdorf, gepflegt von der Tochter seiner Stiefschwester. Drei Enkeln einer Stiefschwester galt seine Fürsorge für deren Ausbildung.

1853 wird Arno Meister konfirmiert. Im Kirchenbuch wird vermerkt, dass er die Schule mit „vorzüglichen Leistungen“ absolvierte. Er erhielt eine kaufmännische Ausbildung in der Firma Tetzner und Sohn in Chemnitz. Dort war er wohl auch weiterhin tätig, bis er am 1. Juli 1865 eine kleine Garnhandlung in der Langen Straße in Chemnitz eröffnete. Im gleichen Jahr schloss er die Ehe mit Clara Emilie, geb. Holzmüller aus Lengefeld.

Hier ist Folgendes nachzutragen: Sein älterer Bruder Moritz (1833 bis 1918) wurde zunächst wie der Vater Lehrer, aber durch ein Halsleiden aus dieser Laufbahn geworfen. So lag es für ihn nahe, sich an den Geschäften seines jüngeren Bruders zu beteiligen. Das Startkapital für ihr Unternehmen stellten ihrer beiden Schwiegereltern zur Verfügung. Die Schwierigkeiten, die die Garnhändler mit ihren Lieferanten hatten, legten den Gedanken nahe, die Garne, die sie verkaufen wollten, auch selbst zu produzieren. So erwarben sie 1869 „Fischers Etablissement“ (Spinnerei Werk I, Kunnersdorfer Straße 1 und 3), bereits 1872 wurde der Betrieb um das weitere Werk II (Chemnitzer Straße 1 und 3) erweitert, 1874 kam für kurze Zeit eine Betriebsstätte in Wiesa (bei Annaberg) hinzu. Arno Meisters Tochter Maria Magdalena starb 1871 im Alter von fünf Jahren. Danach blieben beide Brüder kinderlos. Deshalb wurde 1892 der Betrieb in eine Aktiengesellschaft auf der Basis einer Familiengründung umgewandelt. Damit sollte gewährleistet werden, dass der Betrieb auch nach dem Tod der beiden Brüder weitergeführt würde. Es wurden 450 Aktien zu je 1.000 Mark ausgegeben.“

1911 kauften die Brüder die baufällige Mühle der Gebrüder Dietrich, um an der Uferstraße 8 und 9 eine Baumwollspinnmühle zu bauen, das spätere Werk III.

„In mancherlei Veränderungen, über die in der Chronik „800 Jahre Erdmannsdorf“ berichtet wird, bestand der Betrieb bis 1991. Dann wurden die Maschinen demontiert und wenig später die ersten Nebengebäude abgebrochen. Freilich erinnern uns viele andere Gebäude an das segensreiche Wirken der Gebrüder Meister: Die Kinderbewahranstalt (Kindergarten) und Gemeindediakonie, die Turnhalle und auch die Friedhofshalle sind ihren Stiftungen zu verdanken, ebenso der Altar der Erdmannsdorfer Kirche. Selbst am Schulbau waren sie mit 10.000 Mark beteiligt. 37 Wohngebäude mit 172 Wohnungen ließen sie für ihre Belegschaft bauen – unter anderem an der Neuen Gasse, der Uferstraße, der Meisterstraße, der Chemnitzer Straße, der Friedhofstraße, der Alten Dorfstraße sowie an der Kunnersdorfer Straße. Die Mieten waren so berechnet, dass sie „2,4 Prozent Kapitalverzinsung“ einbrachten. „Mehr als die Sozialgesetzgebung des Deutschen Reiches seit 1883 vorschrieb, taten sie für ihre Beschäftigten“, steht in der Ortschronik zu lesen: Aus einem „Wohlfahrtsfons“ wurden Krankengeld (26 Wochen), ärztliche Behandlung und Apothekenkosten für die Beschäftigten und sämtliche Familienangehörige bestritten. Die Fabriksparkasse zahlte ein Prozent mehr Zins als die öffentliche Sparkasse. „Alte Arbeiter erhalten Pension, und heiratende einen Hausrath je nach Wunsch“, berichtet Pfarrer Stiehler. Bis 1944 wurden 200 Mitarbeiter für ihre 30-, 40- und 50-jährige Werkszugehörigkeit geehrt und erhielten eine Prämie. All das erinnert uns an die Hochschätzung der beiden Brüder für familiäre und soziale Bindungen.“ Bernd W. Wegert

Nach dem Unfalltot von Arno Meister fasste der Gemeinderat am 15. März 1917 den Beschluss, ihm ein Denkmal zu setzen.

Repro des Dokumentes, Sammlungen NHF.

Postkarte, Sammlung Werner Petzold.

„Am 2. Juli 1919, dem 80. Geburtstag des Verewigten, übergab der Denkmalausschuss das vom Bildhauer Gerold in Dresden und von der Firma Lehnert und Sohn ausgeführte Denkmal der Erdmannsdorfer Gemeinde. Herr Ortspfarrer Fritz Schneider, ein Neffe des Gefeierten, hielt die Ansprache, Herr Vorstand Seifert (Bürgermeister) übernahm im Auftrag der Gemeinde den Denkstein. … Ein noch bleibenderes Gedenken, als es Erz und Stein vermag, hat Kommerzienrat Meister in den Herzen seiner dankbaren Erdmannsdorfer sich gesichert.“ Quelle: Chemnitzer Kalender 11, 1920

1953 endete die Ära der Arno und Moritz Meister AG, die Betriebe wurden volkseigen.

Die Büste wurde nicht zerstört, aber vom Sockel genommen und daneben gestellt. Dipl. Ing. Kurt Laudeley, unser späterer Vereinsvorsitzender, bemühte sich darum, dass diese Büste nicht verloren geht, was aus dem nachfolgende Dokument hervorgeht.

Repro des Dokumentes aus den Sammlungen der NHF

Die Grabstätte der Brüder Meister blieb erhalten. Es bedarf sicherlich noch einer Aufarbeitung der weiteren Geschichte, um Zusammenhänge und Entwicklungen nach dem Ableben von Arno und Moritz Meister, also nach 1918, zu verstehen.

Am 16. April 2010 war die Grabstelle, hier im Bild oben, kaum zu erkennen. An diesem Tag erfolgte der erste Arbeitseinsatz. Mehrere Einsätze waren erforderlich, bis erste Erfolge sichtbar wurden. Fotos: P. Brethfeld

20. Februar 2017, Bernd W. Wegert bei einer Ansprache. Foto: P. Brethfeld

Seit 2010 wird die Grabstelle von unseren Vereinsmitgliedern gepflegt. Zum 100. Todestag von Arno Meister, am 20. Februar 2017, fand eine kleine Gedenkfeier statt. Bernd W. Wegert erinnerte an das segenreiche Schaffen von Arno und Moritz Meister, die Bedeutung des Tuns für unseren Heimatort und deren Menschen. Lohn und Brot, Wohnungen, Kindereinrichtungen, Ehrungen für treue Arbeitnehmer und …, lassen die Frage offen: Was wäre wohl aus Erdmannsdorf ohne die Brüder Meister geworden?

Ihnen war es sehr wichtig, dass auch das Abschiednehmen von Verstorbenen würdevoll erfolgen kann. Mit dem Bau der Friedhofhalle (1911), im Hintergrund sichtbar, haben die Meisters dafür Sorge getragen.

Seit 2024 bietet unser Verein der Grundschule der Stadt Augustusburg gedeihliche Zusammenarbeit an, um u.a. Ortsgeschichte näherzubringen. Ein Thema lautet: „Auf den Spuren der Meisters.“

Foto: P. Brethfeld

Mit der Pflege der Grabstelle haben wir als Verein ein Stück Ortsgeschichte in Erinnerung gebracht und wollen gern daran weiterarbeiten. Wer noch Dokumente und Unterlagen beisteuern kann, möge sich bitte an den Verein wenden.

Grabstelle 2024
Foto: P. Brethfeld